Warum Wedding?

Sechs Monate. Wikipedianerinnen und Wikipedianer und Weddingerinnen und Weddinger. Kann daraus etwas entstehen? Ist es möglich, gemeinsam die Wikipedia-Inhalte über den Wedding und angrenzende Gegenden zu verbessern; am Wedding interessierten die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte näherzubringen und gleichzeitig den Wikipedistas einen der spannendsten Berliner Stadtteile näher zu bringen? Wir sind gespannt. WikiWedding in der Wikipedia wird es testen.

Aber warum jetzt Berlin-Wedding? Warum nicht Berlin-Mitte, Kreuzberg? Oder gar Potsdam mit seinen Schlossanlagen oder vielleicht auch Cottbus?

Für den Wedding gibt es Gründe: zum einen Gründe, die im Stadtteil selber liegen, zum anderen Gründe in der Wikipedia.

Der Wedding

Der Wedding ist ein aufregender Berliner Ortsteil. Gespalten zwischen der Identität als ehemaliger Bezirk oder doch als Ortsteil. Geboren in der aufstrebenden deutschen Industrialisierung und als ehemaliger Sitz der AEG eines der Zentren der deutschen Industrie. Bis heute mit Bayer Pharma, ehemals Schering, der größte Berliner Industriestandort.

 

Berlin-Wedding Karte
Übersichtskarte Wedding. Von Alexrk2 auf Basis von OpenStreetMap-Daten. CC-BY-SA 3.0

Der Wedding war Arbeiterviertel, Hochburg der linken Parteien in der Weimarer Republik, aber selbst der KPD oft zu unruhig und zu widerspenstig. Wenig überraschend war der Wedding auch in der NS-Zeit ein Zentrum des Widerstands. Nach dem Krieg an der Grenze zwischen Ost- und West, direkt Betroffen von den Protesten am 17. Jun 1953 und mit reicher ost-westlicher Alltagskultur.

Nach dem Mauerbau in Grenzlage; dank der immer noch reichlich vorhandenen Industrie ein Zentrum der Migration und der Gastarbeiter. Paradebeispiel der Berliner Kahlschlagsanierung. Nach dem Mauerfall und dem Wegzug der West-Berliner Industrie sozialer Brennpunkt. Aber auch der Stadtteil mit der größten Dichte an Eigentumswohnungen. Seltsame Straßen, Bibliotheken in der Krise, beschauliche Siedlungen mit Welterbestatus und große lebenswerte Parks.

Der Wedding ist weiterhin Zuzugsort für Migranten aller Art. Immer wieder „im Kommen“ und doch nie da. Ein Stadtteil in Bewegung, immer unberechenbar, mit reichhaltiger Alltagsgeschichte, dem prallen Leben normaler Berliner und einer großen Szene. Und, ähnlich wie Wikipedia, Szene und Engagement von unten. Selbst machen, auf eigenen Füßen stehen und einfach machen.

Der Wedding in Wikipedia

Die Frage, „warum Wedding in der Wikipedia“ lässt sich am besten dialektisch beantworten. Es gibt genug, aber nicht zu viel. Zum einen gibt es im Wedding bereits eine gewisse Grundstruktur an Artikeln, engagierte Wikipedistas, die sich dem Thema bereits seit Jahren annehmen und zum anderen eine große Gruppe an Berlinern aus anderen Stadtteilen, die prinzipiell an dem Thema interessiert sind.

 

Berlin Bayer-Schering von der Humboldthöhe
Hauptverwaltung der Bayer Schering Pharma in Berlin-Wedding, gesehen von der Humboldthöhe. Von: Andreas Praefcke, CC-BY-SA 3.0

Zum anderen ist der Wedding – verglichen mit anderen Berliner Stadtteilen und erst recht mit westdeutschen Städten vergleichbarer Größe – in Wikipedia recht schlecht erschlossen. Es gibt weniger Artikel über den Wedding als über vergleichbare Städte und Stadtteile. Selbst die zentralen Artikel zum Thema sind verglichen mit anderen Berliner Innenstadtbereichen kurz und kaum in die Tiefe gehend. Deutlich größer sind die Lücken in Schwesterprojekten wie Wikidata oder Wikivoyage. Anders gesagt: es gibt etwas zu tun. Noch sind offensichtliche Lücken vorhanden.

Gründe für die vergleichsweise schlechte wikipedianische Erschließung des Weddings gibt es einige: zum einen die geringe Zahl an Menschen aus dem Wedding in Wikipedia. Die Wikipedistas scheinen sich generell eher in den alt-bildungsbürgerlichen Stadtteilen wie Kreuzberg. Schöneberg oder Wilmersdorf zu konzentrieren. Auch in der Wikipedia gilt: jeder schreibt über das ihm am nächsten liegt. Der Wedding liegt am Rand: sowohl am Rand der Innenstadt wie auch der öffentlichen Wahrnehmung und lange Zeit auch am Berliner Stadtrand mit der Grenze zur Mauer. Zum anderen fehlt es an großen Touristenzielen, großen repräsentativen Bauten und anderen klassischen Anzugspunkten für Wikipedia-Artikel. Der Wedding benötigt genaueres Hinschauen und Beschäftigung mit dem Thema.

Was kommen wird

Auch wenn das Projekt noch gar nicht wirklich begonnen hat, so gibt es doch schon erste Ergebnisse. Eine Arbeitsliste listet die Fehlbestände auf. Artikel entstanden zum Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus und zur Bibliothek am Luisenbad. In Arbeit sind Artikel zur Gottfried-Röhl-Grundschule und zur aktiven afrikanischen Diaspora im Ortsteil.

Was wirklich eine schöne Idee ist: Scan den Wedding. Zusammen mit dem Heimatverein oder anderen aufgrund ihrer Verankerung im Wedding interessanten Vereinen, Inatitutionen und Behörden wird eine „Scan den Wedding„-Aktion vorbereitet. WikiProjekt und heimatvereine etc. laden gemeinsam ein und publizieren dies über geeignete Quellen online und offline. Wikipedia stellt Technik und Expertise zum Medienarchiv zur Verfügung und die Weddinger ihre Fotos. Zusammen steigt die Zahl der Fotos aus dem Ortsteil.

 

Eichhörnchen im Unterholz
Ein Eichhörchnen hortet Nüsse im Unterholz eines Strauches. Volkpark Rehberge. Von: Kempanik, CC-BY-SA4.0

 

Wirklich in die Tiefe gehen, kann das Projekt aber vor allem mit weiterer Unterstützung vor Ort. Detailwissen, alte Fotos und die Kenntnis von relevantem aber vergessenen können vor allem die Aktiven im Wedding selber beitrage. Diese kennen die Orte kennen, haben die Quellen haben und können die Bedeutung einschätzen. Gelingt es beide Gruppen zusammenzubringen? Das wird sich zeigen. Der Wedding hätte es auf jeden Fall verdient.

Titelbild: Berlin-Wedding, Leopoldplatz: Die Strassenkreuzung Müllerstraße/Schulstraße. von: Benutzer:Korff, CC-0

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